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Der Ort

Dorfkirche zu Klietznick

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um 1200

Romanischer Backsteinbau in Form eines rechteckigen Saales mit Ostapsis

etwa 13./14. Jhd.

Nachträglicher Turmanbau

spätes Mittelalter

Abriss der Apsis und polygoner Choranbau im Ostteil

17./18. Jhd.

Veränderung des ursprünglichen Baukörpers an Fenstern, Türen, Dach und Boden

12. November 1719

Dacheinsturz der Kirche nach schwerem Sturm

1783

umfassende Instandsetzung des Turmes wegen Baufälligkeit

1859

Brand des Turmes mit Zerstörung der Glocken

1860

Wiederaufbau des Turmes mit Notdach

1964/65

Innenraumrenovierung, Verkleinerung des Chores durch Einbau einer Trennwand, Verlagerung des Altars

1994/95

Sanierung des Außenmauerwerks, Einbau neuer Fenster, Dacheindeckung

1997

Innenraumrenovierung

1998 - 2003

Orgelrestaurierung

1998

Restaurierung und Konservierung der Wandmalerei

2001/2002

Ausbau Winterkirche im Turm



Ausstattung
 - Romanisches Taufbecken um 1200
 - Altarleuchter (1654)
 - Orgel (1875)
 - Bronzeglocke der Firma Ulrich (Apolda/Laucha - 1860)
 - Wandbild

Zur Baugeschichte
Die Besitz- und Patronatsverhältnisse sowie die Abhängigkeit vom Stift Jerichow sind für das Mittelalter aufgrund fehlender urkundlicher Überlieferungen weitgehend unbekannt.
Die Klietznicker Kirche wird 1562 als Filiale von Ferchland erwähnt.
Der langgestreckte, niedrige Backsteinbau mit einer Gesamtlänge von 29 Meter entstand in drei Bauphasen.Bauzustand um 1200

Innenansicht nach Osten mit Südansicht
Apsis und hölzernem Tonnengewölbe

 

Der westliche Teil ist romanisch unter Jerichowschem Einfluss, zwei (veränderte) Fenster lang, unter dem Dache der gekreuzte Winkelfries, darüber Klötzchenfries und Zahnschnittreihe; Rundbogentür an der Nordseite. In seiner ersten Phase bestand der Bau aus einem einfachen, hohen Rechtecksaal mit Ostapsis, wovon vermutlich nur noch die untere Mauerzone des Saales sowie das nordwestliche Portal erhalten geblieben sind. Die heutige Rundbogenöffnung zum Chor zeigt den Standort der Apsis und damit den ursprünglichen Ostabschluss. Darüber sind die Ansätze eines hohen Schildbogens erkennbar, der aufgrund des fehlenden Chores dem romanischen Triumphbogen entspricht. In einer zweiten Bauphase wurde das gesamte aufgehende Mauerwerk über den älteren Resten neu errichtet, jedoch nicht mehr in der ursprünglichen Höhe, so dass der Schildbogen von der Flachdecke des Saales abgeschnitten wurde. Über dem Scheitel des Schildbogens ist noch der Mauerrücksprung zu erkennen, der auf ein ehemals hölzernes Tonnengewölbe hinweist. Da der Mauerverband im unteren Bereich des Turmes fehlt, gegenüber dem Saal eine Wandgliederung mit Sockel und Ecklisenen vorhanden und an der Turmostwand keine nachträgliche Abtiefung des Satteldaches erkennbar ist, wir vermutet, dass der Turm mit der zweiten Bauphase neu angelegt wurde und die Turmostmauer der ursprünglichen Westmauer des Saales entspricht.
 

Als dritter Bauabschnitt wurde in spätmittelalterlicher Zeit ein polygonal abschließender Choranbau angefügt. Aus diesem Grunde wurde an der Saalostmauer die Apsis zur Schaffung eines Triumphbogens abgebrochen. An der Nordseite führt eine Öffnung in der Schildmauer zur Kanzel, die in der Nordostecke des Saales steht.

Die Anordnung und Gestaltung der Fenster sind in den Bauabschnitten mehrmals geändert worden. Turm und Saal ruhen auf einem 0,60 m hohen Feldsteinfundament, das unter dem jetzigen Außenniveau liegt. Am Chor befindet sich ein hohes, außen sichtbares Fundament aus Naturstein. An Saal und Turm ist überall ein nahezu regelmäßiger gotischer Verband aus zwei Läufern und einem Binder, am Chor ein überwiegend unregelmäßiger Verband sichtbar.

Der Kirchturm

1859 brannte von dem massiven Turm die gesamte obere Fachwerksetage mit dem Dach und dem Glockenstuhl ab. Die Glocken sind herabgefallen und auf dem Quertonnengewölbe über der unteren Etage des Turmes liegengeblieben. Sie waren nicht gänzlich zersprungen, hatten aber so starke Risse erhalten, dass sie umgegossen werden mussten. Der schwer beschädigte obere Teil des Mauerwerks wurde vom Turm abgetragen und darauf ein Notdach errichtet (heutiger Zustand).

Dach des Turmes seit 1860 (Notdach)

Der oben schlecht restaurierte Westturm hat unten auf der Westseite in oblonger (länglicher) Mauervorlage ein vermauertes
Spitzbogenportal, in der Höhe des Schiffsdaches ein einfaches Rundfenster und diesem entsprechend auf der Nordseite eine Reihe von vier kurzen Blendnischen im Spitzbogen, auf der Südseite deren fünf, die aber nur durch Überkragung der Steine im Dreieck geschlossen sind. Lisenen-Reste unten auf der Süd- und Nordseite zeigen, dass ursprünglich etwas anderes beabsichtigt war.

Rekonstruktionsversuch des Turmes vor dem Brand 1859
(Variante I)

Rekonstruktionsversuch des Turmes vor dem Brand 1859
(Variante II)

Der Innenraum
Der langgestreckte Saal mit einer Innenabmessung von 14,60 x 6,55 m öffnet sich nach Norden mit zwei Portalen. Das jetzt als Zugang benutzte westliche Portal wurde nachträglich verbreitet und aufgrund des angestiegenen Außenniveaus spitzbogig erhöht. Die Ansätze des älteren, vermutlich rundbogigen Stirnbogens aus stehenden Bindern sind noch deutlich zu erkennen. Östlich vom westlichsten Strebepfeiler und von diesem angeschnitten, befindet sich ein weiteres, höher liegendes Spitzbogenportal (jetzt vermauert) in einer sehr schmalen Wandvorlage. Im Innenraum der Kirche sind alle Wandflächen mit dünner Putzhaut und weißem Kalkanstrich überzogen. Saal und Chor sind durch einen niedrigen Triumphbogen getrennt, der sich innerhalb der Laibung nach Osten verengt. In der darüber liegenden Wandfläche sind seitlich die Reste eines älteren, hohen Schildbogens mit Kämpferprofil aus Plättchen und Viertelrundstab in Backsteinstärke zu erkennen. Im polygonen Choranbau des Ostteils der Kirche befindet sich der Altar. Auf dem schlichten Blockaltar stehen zwei kunstvolle, barocke Altarleuchter in Gelbguss, deren Fuß, scharfkantig im Dreieck konstruiert, auf Löwenfüßen ruht und mit flachem Barockornament und drei Engelsköpfen in Relief dekoriert ist, gestiftet laut Inschrift 1654 von Moritz Han C.S.G. Cammerdiener.

Bei der Sandsteintaufe handelt es sich um ein romanisches Taufbecken um 1200. Dieses Taufbecken hat die ausgesprochene Form eines Römerglases, mit sechzehneckigem Rand und ehemals sehr dünner Wandung.

Wandmalerei
Bei Restaurierungsarbeiten im Jahr 1997 kamen Wandmalereien im ehemaligen Rechtecksaal zum Vorschein. Zur ersten Bauphase, so vermutet man, gehört die caput-mortuum-farbene Bemalung am Triumphbogen (pflanzliches Motiv entlang des Apsisbogens, direkt auf den Backstein und über die Putzfugen gemalt).

In die zweite Bauphase fällt dann die Verputzung des vermutlich bis dahin backsteinsichtigen Innenraumes und die Neuausmalung (Malerei an der Triumphbogenschiffswand und am Schildbogen). Die Figurenfelder beinhalten Darstellungen aus dem Passionszyklus; unten die Kreuzigung und darüber die Grablegung. Sie sind durch breite Bänder und Ornamentfriese getrennt.

Im Chorraum befindet sich eine kreisrunde Putzaussparung mit dem Weihekreuz. Darüber und über der Verputzung und Wandmalerei an der Triumphbogenschiffswand befindet sich als nächste Schicht dieselbe Bemalung, vermutlich aus der Renaissancezeit - im Chorraum ein umlaufendes Schriftband (schwarze Schriftzeichen, eingerahmt in breiten roten Bändern).

Die Orgel
Sie wurde 1875 als einmanualiges mechanisches Schleifladenwerk von A. Troch aus Neuhaldensleben gebaut.

Die Orgel befindet sich mittig auf der Westempore. Die Westwand bildet gleichzeitig die Rückwand der Orgel. Der Spieltisch ist vorn in der Mitte des Gehäuses. Drei Flachfelder sind mit Prospektpfeifen ausgefüllt. 1998 übernahm der Orgelbaumeister Jörg Dutschke aus Dambeck die Reparatur bzw. Rekonstruktion der stark beschädigten Orgel.

Begriffserklärungen

Apsis

Der meist halbrunde Abschluss des Chors in der Kirche.

Binder

siehe "Läufer"

Chor

in der Kirchenbaukunst Bezeichnung für den meistens erhöhten Abschluss des Kirchenraums, der Platz für den Hauptaltar, oft durch Chorschranken vom Kirchenraum getrennt

Ecklisenen

siehe Lisenen

Empore

Zwischengeschoss in der Kirche; meist die Galerie für die Sänger, auch für die Orgel

Fries

streifenförmiger, meist waagerechter Schmuck einer Wand oder eines Gebälks. Der Schmuck kann malerisch flächig oder plastisch sein, ornamental oder figürlich. In der Regel ist er ein wesentliches Stilmerkmal.
A - Rundbogenfries (romanisch), B - Kreuzbogen (normannisch, gotisch), C - Zahnschnitt, D - Zickzackfries 

Gotik

Die große Epoche der europäischen Kunst von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zum Ende des Mittelalters, in manchen Ländern bis ins 16. Jahrhundert. In konstruktiver wie in ästhetischer Hinsicht sind Kreuzrippengewölbe und Spitzbogen entscheidend.

Kanzel

Predigtstuhl, erhöhter Platz in der Kirche, meist an einem Pfeiler und von einer Brüstung umgeben, oft auch von einem Baldachin bekrönt.

Läufer

Mauerstein, der in der Längsrichtung verlegt ist, im Gegensatz zum Binder, der bei dicken Mauern die längslaufenden Schichten "bindet".

Lisene

senkrechter, leicht vorstehender Streifen in einer Wand, ohne konstruktive Bedeutung, aber als Wandgliederung in der Romanik häufig.

Polygon

Vieleck; in der Stilkunde ist meist das regelmäßige Vieleck gemeint und der über ihm errichtete Bau.

Romanik

Umfassender Begriff für alle stilistisch künstlerischen Äußerungen, etwa vom Jahr 1000 bis ins 13. Jahrhundert. Merkmale : Rundbogen, dicke Mauern, orthogonaler (rechtwinklig, rechteckig) Grundriss, abwechslungsreiche Gestaltung der Säulen und Kapitelle, Bogenornamentik. Stimmung : ruhig, schwer, aber nicht düster.

Schildbogen

in die Wand eingemauerter Bogen eines auf die Wand zulaufenden Gewölbes

Idee und Gestaltung:
Andreas Dertz

Literatur:
Dehio (Magdeburg), S. 218.
R. Naumann, K. Börner: Katalog der geschützten Boden- und Baudenkmale des Kreises Genthin. Genthin 1985. S. 66.
Schroedter (1984), Anh. IV, S. 7-8.
Wernicke (1898), S. 332-333.
Das große Buch der Baustile von Herbert Pothorn u. Christoph Hackelsberger
1997 Cormoran in der Südwest Verlag GmbH & Co. KG München.

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